Erlesene Festgemeinde, hochgeschätzte Jubilare,
die zweijährige Wiederkehr des Gründungstages der Wohngemeinschaft Bonn
ist ein Ereignis, das zu feiern man nicht alle Jahre Anlaß hat. Umso größer
ist meine mannigfaltige Freude darüber, daß mir die Ehre angedacht wurde, den
Gründungsvätern dieser Institution einige Zeilen zu widmen. Beim Verfassen
dieser Lobschrift weiß ich mich von der Zuversicht getragen, daß der geneigte
Leser eigene Beobachtungen und Erfahrungen wiederentdecken, strenger: Bestätigt
sehen wird. Was ehedem vielerseits als ehrgeiziges, aber perspektivloses Experiment
belächelt wurde, hat sich allen feisten Unkenrufen zum Trotze als beständige
Dauerlösung erwiesen und zu einer festen Größe inmitten unsteter
Zeitläufte enwickelt. Weit über die Grenzen der Stadt hinaus hat sich das Erstaunen
darüber breit gemacht, mit welch schwereloser Leichtigkeit es drei konträren und
ausgeprägten Charakteren gelang, aus den angestammten Nischen herauszutreten, um
einen Kreis zu bilden, aus dessen Mitte jenes Licht entspringt, das den Weg
selbst in die finstersten Ecken unserer Seelen gefunden hat.
Freilich, für zwey der verehrten Jubilare hat sich bereits in der der
Gründung der Wohngemeinschaft Bonn vorangehenden Zeit Gelegenheit in Fülle
geboten, sich unter wohlwollender Abtragung vorhandener Differenzen einander
anzunähern und dabei mehr als nur per Du zu werden. Doch falsch liegt und
nicht zu Unrecht dem Vorwurf der Narretei ausgesetzt sieht sich der, welcher in
dieser Vorstufe der Wohngemeinschaft Bonn bereits die Keimzelle der jetzigen
Kommune wähnt. Mit großer Vorsicht und nur sehr leise traut man sich, von
marginalen Weichenstellungen zu sprechen, die damals hinter verschlossener Tür
stattgefunden haben mögen. Wer jedoch hieraus den Schluß zieht, das damals
entsprossene Pflänzlein habe nur noch der Schwängerung bedurft, daß daraus
der Baum erwachse, den wir heute Wohngemeinschaft Bonn heißen, über den kann das
Urteil nur lauten: Er nähert sich der Wahrheit mit der Leichtfüßigkeit einer
greisen Schildkröte, um dann doch an ihr vorbeizulaufen! Es läßt sich buchstäblich
mit Händen greifen, daß es nicht Folge eines natürlichen Wachsens sein kann,
sondern eines metaphysischen Geschehens, nicht Ergebnis eines Prozesses,
sondern Ereignis selbst, wenn Menschen zu Symbionten werden.
Wenn gleich ich an dieser Stelle den Jubilaren laut Beifall klatschen
möchte, ist mir dies nicht vergönnt, da ich mich genötigt sehe, die Hände fest
gegen die Ohren zu pressen, um nicht die Ausrufe jener mißgünstigen Nattern zu
hören, die mich dahingehend verstanden wissen wollen, daß ich unseren
Protagonisten jegliches Verdienst um einen selbst eingebrachten Beitrag
zum Gelingen der Wohngemeinschaft Bonn abspreche. Der Mensch hebt sich doch gerade
dadurch vom Thiere ab, daß er das vom Himmel gefallene Glück an sich nimmt und es
als Sprungbrett nutzt, um nach hehren Zielen zu streben. Wer freilich gegen
jede Erkenntnis immun ist, kann zunächst froh sein, daß ihn das Glück nicht
schon beim Herabfallen erschlägt, er wird es in jedem Falle allenfalls als eine
Last mit sich herumzuschleppen vermögen, die ihn in den nächstbesten
Abgrund zieht. Das kann jedoch nicht zutreffen auf drei junge Männer, die in
einer, bei flüchtiger Betrachtung, zunächst unscheinbaren Herberge das Wohnen so
gründlich neu erfunden haben, daß sich darob selbst der Bauer auf dem
Felde verwundert die Augen reibt.
Man mag es zugeben: Nicht ein jeder konnte sogleich in die für einfachere
Gemüter undurchsichtigen Gebräuche der Kommune eintauchen, und wer es doch
tat, war gut beraten, zunächst in seichten Gewässern zu verharren, bis sich
einer der Hausherren seiner annahm und ihn sicher auf hohe See hinauslotste. Von
keinem hörte man je ein Wort des Bedauerns darüber, daß es von dort keinen
Weg zurück gibt! Wer es bis hierhin geschafft hat, navigiere frohen Herzens,
als Kompaß diene ihm der Lockruf dionysischen Rausches, dessen lieblicher
Klang durch die Gemäuer der Wohngemeinschaft hallt. Wer diesem Sirenengesang
erliegt, steuert nicht ins Verderben, sondern findet sich nach dem
Erwachen wieder an Bord einer Arche, die keinen Hafen anfährt, weil sie keinen braucht,
und einer würdig, sie aufzunehmen erst noch zu erbauen wäre.
Vermutlich schwer zu begreifen sind diese Zeilen für all die jungfräulichen
Seelen, welche noch nie einen Fuß über die Schwelle unserer geschätzten
Jubilare gesetzt haben. An sie richtet sich mein Appell, dieses
nachzuholen, verbunden mit der Zusicherung, daß sie seitens der Gastgeber keinen Groll
ob des schweren Versäumnisses zu befürchten haben, sondern daß sie sich allem
Irdischen entrückt fühlen werden, wenn sie sich denn alsbald in der
lieblichen Milde dieser großen Geister sonnen.
All jene gewogenen Leser, welche bereits dem Zauber verfallen sind, mögen es
dem Verfasser nachsehen, wenn er an dieser Stelle einen bescheidenen
lyrischen Beitrag anbringt:
Trete ein, so daß auch Du verstehst,
ewges Bleiben wird zum Ziele Deines Strebens -
schwer'n Herzens Du Deines Weges gehst.
Auch wenn du alle Zeiten Deines Lebens
versuchst, probierst und recherchierest:
Ein trauter Heim suchst Du vergebens.
Wir, die wir unzählige selige Erinnerungen in uns tragen, welche uns auf
immerfort mit der Wohngemeinschaft Bonn verbinden, wissen , daß die
vorangegangenen Zeilen bar jeder Übertreibung daherkommen. Viele Stunden
der Verzückung verbrachten wir mit unseren geschätzten Freunden, Gastgebern, Jubilaren.
Und wenn auch ein jeder womöglich einen anderen Bezugspunkt in der
Wohngemeinschaft sein eigen nennt, so dürfte auch der Blindeste nicht
übersehen, daß
es die Gemeinschaft ist, deren Gründung sich heuer zum zweiten Male jährt,
und sie zu ehren soll unser vornehmlich Anliegen sein. Mit allen weiteren
Gratulanten weiß ich mich geeint in der Hoffnung auf weitere zahllose
fruchtbare Jahre in der Institution, in der man seinen Kummer und die irdischen
Sorgen gleich einem Mantel an der Türe abgibt.
Wohngemeinschaft Bonn, Perle der Südstadt, möge dein Stern uns noch lange
leuchten!
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